Unser Europa vor der Haustür – Den Ostseeraum gemeinsam gestalten

Was das Zusammenwachsen von Europa wirklich bedeutet, habe ich das erste Mal beim politischen Austausch rund um die Ostsee gelernt. Ich glaube, es gibt eine gemeinsame Identität im Ostseeraum. Die Leute haben ähnliche Vorstellungen. Sie sind auch kulturell ähnlich geprägt. Es gibt rund um die Ostsee vieles Eigenes, mit dem wir uns identifizieren. Dinge, die uns sagen lassen: Das ist die Region, zu der ich gehöre. In den letzten Jahren ist die Kooperation rund um die Ostsee etwas zur Routine verkommen. Ich wünsche mir wieder mehr Leidenschaft und will dabei bewusst vorangehen. Das gilt gerade jetzt, wo die politischen Spannungen zugenommen haben. Die Europäische Union kann nicht allein zwischen Staaten funktionieren. Wir brauchen vor allem die Zusammenarbeit der Regionen über Grenzen hinweg. Ich glaube, dass wir in dieser Hinsicht mit dem Ostseeraum ein Modell für die Zusammenarbeit in Europa sind. Das möchte ich als Abgeordnete nach Brüssel tragen.

Was ich durch den Austausch rund um die Ostsee gelernt habe

Meine ersten, internationalen politischen Kontakte habe ich rund um die Ostsee geknüpft. Für mich war das sehr prägend. Ich habe an Jugendkonferenzen in Polen, Dänemark und dem Baltikum teilgenommen. Dabei habe ich gelernt: Bei allen Unterschieden haben wir riesige Gemeinsamkeiten. Es gibt einen gemeinsamen Kulturraum Ostsee. Das liegt an den gemeinsamen historischen Wurzeln mit der Hanse und prägt bis heute die Architektur der Städte. Aber gleichzeitig sind die Menschen, die am Meer leben, und damit seit Jahrhunderten den Austausch pflegen auch offener und toleranter als andere. Wenn es doch mal unterschiedliche Perspektiven gibt, lernt man besonders viel. Dann wird nämlich der eigene Blick geweitet. Vor allem lernt man im Ausland mehr über das eigene Land. Der Blick von außen ist häufig klarer und unverstellter als unsere Innensicht. Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass der internationalen Austausch allen hilft.

Warum die Ostsee unser Europa vor der Haustür ist

Für mich ist der Ostseeraum eine Miniaturversion Europas. Mit Deutschland und den skandinavischen Staaten gibt es zum einen langjährige Mitglieder der EU, die durch ihre Westbindung und starken Sozialstaaten geprägt sind. Die baltischen Staaten hingegen sind sehr junge und dynamische Volkswirtschaften, die, bezogen auf den Sozialstaat, eher ein amerikanisches Modell verfolgen und einen spezifischen Blick auf Russland haben. Darüber hinaus haben wir mit Polen ein eher europaskeptisches Land in der Ostsee-Familie. Hinzu kommt der große Nachbar Russland, der viele Fragen der internationalen Zusammenarbeit, wie Außen- und Sicherheitspolitik auf den Ostseeraum vereint.

Aufgrund dieser Vielfalt ist für mich klar: Wenn wir uns im Ostseeraum auf ein gemeinsames politisches Projekt verständigen, dann ist es auch tragfähig für die gesamte Union. Das können wir nutzen, um zum Zukunftslabor für die europäische Einigung zu werden.

Die Ostseeregion als Modell für die Zusammenarbeit in Europa

Schon seit 1991 gibt es die Ostsee-Parlamentarierkonferenz. Dabei kommen einmal im Jahr Abgeordnete aus den Parlamenten rund um die Ostsee zusammen, um die Politik der einzelnen Staaten abzustimmen. Aus meiner Sicht ist es großartig, dass sich nicht nur die Regierungen zum Austausch treffen, sondern die direkt gewählten Volksvertreter*innen.

Diese Zusammenarbeit beschränkt sich aber nicht auf die politische Ebene. Gerade in Fragen der Gewerkschaftszusammenarbeit und gleichwertiger Arbeitsbedingungen, hat die EU noch eine Menge Hausaufgaben zu machen. Im Ostseeraum kommen wir der Sache schon lange näher: Im Baltic Sea Labour Forum (BSLF) treffen sich Gewerkschaften, Arbeitgeber*innen, Parlamentarier*innen und Regierungen zum gemeinsamen Austausch. Dieser feste Austausch auf verschiedenen politischen Ebenen bringt neue Ideen für alle Beteiligten und sorgt gleichzeitig dafür, dass sich die Politik unserer Länder aufeinander abstimmt. Wenn wir uns verständigen und Gesetze angleichen, gewinnen wir alle letztendlich an Freiheit.

Konkret: Was kann Zusammenarbeit über Grenzen hinweg bewirken

Im März habe ich in Neumünster an der Elly-Heuss-Knapp-Schule die Klasse der Europaerzieherinnen und Europaerzieher in ihr Auslands-Praktikum verabschiedet. Die Schülerinnen und Schüler absolvieren in der dreijährigen Ausbildung insgesamt drei dreimonatige Praktika im europäischen Ausland. Die Berichte haben mich sehr beeindruckt und ich habe sofort gemerkt, wie sehr man an dieser Erfahrung wachsen kann.

Von solchen Projekten brauchen wir noch mehr und dabei bietet gerade die Zusammenarbeit im Ostseeraum aufgrund der kurzen Wege großes Potenzial. Zum Beispiel gibt es bereits eine deutsch-dänische Verbundausbildung. Dabei wird parallel ein deutscher und ein dänischer Ausbildungsabschluss erworben. Solche Kooperation wünsche ich mir zwischen Staaten rund um die Ostsee.

Ich will, dass wir in Europa die engen Verbindungen zwischen den Ländern nutzen, um die berufliche Ausbildung internationaler und damit attraktiver zu machen. Klar ist, dafür muss die EU noch ihre Hausaufgaben machen. Häufig scheitert ein Austausch daran, dass Betriebe die Auszubildenden nicht für längere Zeit entbehren können, weil die nötige Unterstützung fehlt. Aber auch dafür finden wir Lösungen. Die stärkere Öffnung von Erasmus+ für Auszubildende war ein erster Schritt. Ich werde mich dafür einsetzen, dass es noch mehr Mittel für grenzüberschreitende Zusammenarbeit gibt.

Ostsee als nachhaltiges Urlaubsziel nebenan

Jedes Jahr steigt die Zahl der Urlaubsreisen weltweit. Inzwischen sind viele beliebte Urlaubsziele komplett überlaufen. Dadurch verlieren diese Orte ihren besonderen Charakter. Wir lieben sie zu Tode. Hinzu kommt, dass diese Form Urlaub zu machen das Klima und die Umwelt unnötig stark belastet. Nachhaltiger Tourismus ist die passende Antwort darauf. Die Ostsee bietet dafür großes Potenzial. Sie liegt direkt vor unserer Haustür, weite Flugreisen braucht es also nicht. So verursacht ein zweiwöchiger Urlaub an der Ostsee nur ungefähr ein Fünftel der Klimabelastung, die von einem Mallorca-Urlaub ausgeht.

Darüber hinaus gibt es rund um unser Meer noch viele unentdeckte Urlaubsziele, an denen man die Seele baumeln lassen kann. Die Orte haben sind häufig noch nicht überlaufen. Die Ostseeregion muss anfangen sich gemeinsam zu vermarkten, wenn sie eine echte Alternative zu den beliebten Fernreisezielen werden will. Dabei kann die Europäische Union helfen. Eine Erhöhung des Ostsee-Tourismus schützt aber nicht nur das Klima, sondern schafft auch Arbeit und Wohlstand in unserer Region

Ostsee als gemeinsamer Wirtschaftsraum

Wirtschaftlich hat sich die Ostsee stark gewandelt. Vor 30 Jahren dominierten noch Werften das Arbeits- und Wirtschaftsleben. Davon ist nicht mehr viel geblieben. Heutige Motoren für Wachstum sind insbesondere der Tourismus und dort vor allem das Geschäft mit Kreuzfahrten. Das größte Potential liegt aber aus meiner Sicht in einer stärkeren grenzüberschreitenden Vernetzung und in der wachsenden Digitalwirtschaft. Die Potenziale sind groß, wenn Deutschland seine Fähigkeiten in der Fertigung, die skandinavischen Länder ihre Top- Forschung und die baltischen Staaten ihren Gründergeist einbringen.

Wenn wir die Ostsee nicht als Barriere, sondern als verbindendes Element betrachten. Wenn wir den Wasserweg nutzen, um Waren besser zu transportieren. Und wenn wir unsere Wirtschaftspolitik besser koordinieren, liegt ein gewaltiges ökonomisches Potential in unserer Region. Gerade in Sachen Klimaschutz und Energiewende haben wir als Länder am Meer vielversprechende Chancen eine wichtige Rolle in Europa einzunehmen. Darauf gehe ich auf meiner Themenseite zu FridaysForFuture ein.

Jugendaustausch im Ostseeraum

Der politische Austausch mit anderen jungen Menschen im Ostseeraum hat mich schon früh geprägt. Ich habe gelernt, dass das Gespräch wichtig ist, um neue Ideen zu finden und einander besser zu verstehen. Vielleicht wäre ich ohne die Erfahrungen von damals heute keine Europakandidatin. Deshalb will ich auch anderen diese Erfahrung ermöglichen. Dafür werde ich regelmäßig Ostsee-Praktika in meinem Büros anbieten. Gleichzeitig unterstütze ich den Ostsee-Jugendaustausch des Landesjugendrings und vergleichbare Angebote in anderen Ostsee-Staaten. Leere Worte bringen uns in Sachen der europäischen Verständigung nämlich nicht weiter.